„Was soll denn das ? Du machst den andern ja nur Angst!“

Mein Sohn ist 11 Jahre alt und ein sog. „Hochbegabter“, allerdings ohne die oft als „typisch“ bezeichneten Nebeneigenschaften der „Hochbegabte“. Er liest lieber Karl May als Physikbücher, er spielt lieber Fußball und Hockey als Schach, er geht lieber Schwimmen als in die Schule und ist im Übrigen – trotz seiner 11 Jahre – noch sehr verspielt und kindlich.
Allerdings war er von Beginn der 1. Klasse immer der Klassenbeste. Er hatte sich das Lesen selbst beigebracht und wurde deshalb bereits an seinem 2. Tag in der Schule von seiner damaligen Klassenlehrerin angegangen: „Was soll denn das ? Du machst den anderen ja nur Angst !!“

Diese Äußerung könnte als Überschrift über seiner bisherigen Schulkarriere stehen.
Er übersprang nach wenigen Wochen die 1. Klasse. In der 2. Klasse hatte er sehr schnell den Wissenrückstand aufgeholt und schob sich an die Spitze. Als „Kleiner“ war er aber von Anfang an nie akzeptiert, sondern hatte immer einen starken Block gegen sich. Als in der 3.Klasse die Lehrerin wechselte und er eine neue, junge „Karrierefrau“ (was man halt so „Karriere“ nennen mag….) kam, nahm diese sofort Partei für die Schlusslichter der Klasse. Diese fühlten sich vom der verbalen Kraft unseres Sohnes „geärgert“, deshalb sei es ganz normal, dass er in jeder Pause verkloppt werde. Nach vielen – völlig sinnlosen – Gesprächen führte dies kurz vor Ende des Schuljahres zu einem erneuten Klassenwechsel, diesmal allerdings zu einer wunderbaren Lehrerin und in eine sehr gute Klasse. Dort gab es – obwohl unser Sohn nicht weniger redegewandt und nicht weniger gut war als vorher – keinerlei Probleme. Er fühlte sich zum ersten Mal wohl , hatte richtig gute Freunde und Kumpels und ging gern zur Schule.

Dies hörte mit dem Wechsel aufs Gymnasium auf.
Die Klassenzusammensetzung ist offensichtlich problematisch. Es gibt eine starke Gruppe eines dörflichen Stadtteils, die eisern zusammenhält. Aus ihr kommt auch der „Klassenchef“ – der sich dadurch auszeichnet, dass er bereits ein wenig weiter entwickelt zu sein scheint, als der Rest.
Das Leistungsniveau ist sehr schlecht – es ist die leistungsmäßig schlechteste Klasse von insgesamt 7 Klassen dieser Stufe.
Unser Sohn ist – wie immer – wieder mit großem Abstand der Klassenbeste.
Dies führt bei vielen Lehrern dazu, ihn gar nicht mehr im Unterricht dranzunehmen, was natürlich auf Dauer schon frustrierend ist. Wenn er ab und zu keine 1, sondern „nur“ eine 2+ schreibt, kommen von bestimmten Lehrern (=denselben, die ihn auch im Unterricht völlig übersehen) Randbemerkungen wie „Na, hat unser Hochleister versagt….?“, was für ihn sehr verletzend und schlimm ist !
Seit Herbst dieses Schuljahres hat sich rund um den „Klassenchef“ eine Gruppe formiert, die unseren Sohn systematisch von allen Spielen in den Pausen, von allen Freizeitaktivitäten ausschließt. Wenn er gelegentlich pro forma mitspielen darf, wird er bereits beim ersten Durchlauf mit willkürlichen Begründungen ausgeschlossen. Mittlerweile nimmt er ein Buch mit und liest in irgendeiner Ecke. Dafür wird er allerdings als „blöder Streber“ angemacht.
Er wird täglich wegen völlig absurder „Gründe“ (Kleidung /Zahnlücke/Frisur/Vereinszugehörigkeit/Farbe des T-Shirts u.ä.) verspottet. Die beiden Freunde,die er hatte, haben ihm erklärt, sie wollen nicht mehr seine Freunde sein, weil sie sonst auch nur ausgeschlossen würden.
Er wird oft geschlagen und getreten, teilweise im Unterricht. Allerdings sehen die Lehrer das so gut wie nie und sehen sich deshalb außer STande, einzuschreiten.
Ich musste ihn sogar 1x wegen erheblicher Verletzungen von der Schule abholen, ohne dass dies zu irgendwelchen Sanktionen geführt hätte.
Sieht ein Lehrer doch einmal hin und bestraft denjenigen, der gewalttätig war, dann führt dies dazu, dass unser Sohn bei nächster Gelegenheit erst recht verkloppt wird, denn er ist ja „schuld“ an der Strafarbeit.

Der Klassenlehrer sieht die Problematik und führt sie auf den Neid der Klasse wegen der guten Noten unseres Sohnes zurück. Er hat immerhin 2x mit der Klasse darüber gesprochen. Dies führte allerdings nur dazu, dass das Mobbing sich verstärkte. Mittlerweile spreche ich ihn nicht mehr an, denn seine Maßnahmen, die ohnehin nur auf unseren „Druck“ hin ergriffen werden, sind ersichtlich kontraproduktiv.
Ein Gespräch mit der pädagogischen Unterstufenleiterin endete damit, dass diese erklärte, all das, worüber wir berichteten, sei gar nicht so. Unser Sohn solle nicht so wehleidig sein, solle gefälligst nicht weinen („Du willst doch einmal ein Mann werden !?“) und sich im Übrigen in die Klasse eingliedern.

Unser Sohn möchte nichts lieber, als sich in die Klasse eingliedern, aber es wird ihm doch verwehrt !
Er ist zwar sehr gut in der Schule, aber er ist kein STreber. Er lässt andere freigebig abschreiben, sagt selbstverständlich vor, ist in keiner Form „eingebildet“ und, wie gesagt, absolut nicht der Typ „Bücherwurm“.
In seinem Hockeyverein – z.B.- ist er völlig integriert und niemand käme auf die Idee, ihm irgendeinen der Vorwürfe zu machen, mit denen er sich in der Schule täglich auseinandersetzen muss !

Er leidet furchtbar darunter, hat unheimlich oft Migräne, weint fast jeden Abend und jeden Morgen, weil er totale Angst hat, zur Schule zu gehen („… da werde ich ja doch nur geärgert und darf nicht mitmachen!“). Bereits am Samstagabend fängt er an, sich vor Montag zu fürchten, weil dann die Quälerei wieder losgeht.

Mir fehlt der Mut, noch einmal mit der Schule zu sprechen, denn die Gespräche des Klassenlehrers machen die Sache doch nur schlimmer und die Schulleitung negiert das Phänomen nicht nur, sondern reagierte auch ausgeprochen unwirsch auf die „Zumutung“, überhaupt mit Eltern eines Kindes über derartige „Nichtigkeiten“ reden zu müssen. Wir haben auch durchaus den Eindruck , dass seit diesem Gespräch einige Lehrkräfte unseren Sohn richtig „auf den Kieker genommen“ haben.

Ich suche jetzt – u.a. auf diesem Wege – Kontakt zu Leidensgenossen.
Gibt es ähnliche Schicksale ? Kennt jemand Anlaufstellen in unserer Nähe (Raum Frankfurt), die sich speziell mit dem Phänomen „Schulmobbing“ befassen ?

Ein Gedanke zu „„Was soll denn das ? Du machst den andern ja nur Angst!“

  1. Ihrem Sohn muss geholfen werden. Die Schule kann und darf das Thema Mobbing nicht
    verneinen. Die Augen davor zu verschließen macht es nur schlimmer.
    Ich selbst bin auch Lehrerin und bin auf diese Seite gestoßen, weil ich einen
    Mobbingfall in meiner Klasse habe und bis zu diesem Zeitpunkt fest davon überzeugt
    war, dass das in dieser Klasse nicht vorkommen kann, da ein so guter Zusammenhalt
    besteht. Es sind bisher nur Anfänge von Mobbing, die ich sofort im Keim ersticken
    möchte.Ich bin auf der Suche nach Lösungen und Tipps und bin
    ganz schockiert, was ich stattdessen finde,… Lauter furchtbare Geschichten!
    Wenn an dieser Schule, an der ihr Sohn jetzt ist, diejenigen, die mobben keine
    Sanktionen erhalten und kein Antimobbing-Programm getartet wird und obendrein
    der Schulleiter die Augen verschließt, würde ich zunächst die Behörde davon
    in Kenntnis setzen, dass sie sich an dieser Schule schlecht aufgehoben fühlen und
    genau erläutern warum – ihre Geschichte ist haarsträubend, man möchte sich sofort
    vor ihren Jungen stellen – und dennoch die Schule wechseln, weil der Schulleiter
    und die Klassenlehrer dann zwar aktiv werden, aber würden es sicher auch noch an
    ihm auslassen, es klingt jedenfalls so…
    Ich wünsche Ihnen von Herzen einen mobbingfreien Schulalltag für Ihren Jungen und
    wieder Spaß daran.

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