Scham

Hi!

Zuallererst finde ich es toll, dass es diese Initiative gibt und Menschen, die helfen wollen und sich die Probleme anderer anhören!

Ich möchte ich dir meine Geschichte erzählen, einfach um es mir mal von der Seele zu reden, nicht wegen einer tollen Antwort, ich erwarte gar nichts. Das wäre das erste Mal, dass ich die Sache überhaupt jemandem anvertraue, meine Scham war immer zu groß.

Heute bin ich 21 Jahre und habe das Mobbing aus der Vergangenheit noch nicht richtig verdaut. Ich denke so gut wie jeden Tag daran und versuche, mich selbst zu stärken und zu wachsen.

Also, ich denke, bis zur 6. oder 7. Klasse war ich ein ganz normales, glückliches Mädchen. Ich war immer sehr lebhaft, spontan, ehrlich, direkt und so weiter. Ich kann mich auch daran erinnern, dass ich ab und zu ein wenig geärgert wurde von Freunden oder der Familie, das war einfach harmloses Sich-Lustigmachen.

Es ging los in der 7. Klasse. Ein Typ aus meiner Klasse, der „Coolste“, der Größte und somit auch der Anführer der Klasse, hatte es auf mich abgesehen. Sicherlich hat es harmlos angefangen, ich kann mich nicht erinnern. Jedenfalls schien ich sehr empfänglich dafür zu sein und habe mich nicht gewehrt, sondern die Worte ignoriert. Jedoch war mir die Sache extrem peinlich und unangenehm. Das merkten die Typen ganz bestimmt. Ich wurde in allen Pausen und auch im Unterricht gemobbt. Zum Teil hat er mich auch physisch angegriffen, leichte Schläge auf den Rücken. Aber (vielleicht dummerweise) nie besonders schlimm. Das weitaus Schlimmere waren tatsächlich die Worte. Ich weiß, dass ich dadurch, dass ich so verängstigt war, unglaublich ruhig und schüchtern wurde. Ich traute mir überhaupt nichts mehr, sondern wollte einfach verdammt unsichtbar sein, sodass mich niemand mehr sehen, also mobben konnte. Dauernd wurde ich in die Presche genommen, nachgeahmt, mir wurden häßliche Begriffe an den Kopf geworfen usw. Ich bin mir ziemlich sicher, einige Lehrer haben etwas bemerkt, aber gemacht hat nie nie jemand etwas. Und irgendwie war mir die ganze Sache auch extrem unangenehm vor den Lehrern! Ich wollte nicht einmal, dass ich vor ihnen schlecht dastehe. Zu dieser Zeit ging es meiner Mutter nicht besonders gut, und ich weiß, dass ich sie die ganze Zeit einfach nur aufmuntern wollte. Ich hatte tierische Angst, dass sie krank wäre und dachte, wenn ich alles mache, immer ein fröhliches Gesicht habe und mich zu hundert Prozent aufopfere, geht es ihr besser. Egal, wie schlimm es war in der Schule, zuhause ließ ich mir nie etwas anmerken. Ganz im Gegenteil, ich hatte wahnsinnige Angst, irgendwer könnte es herausfinden. Denn die eigentliche Waffe, die dieser gräßliche Typ hatte, war meine Scham. Meine riesige Scham, was würden meine Eltern und Geschwister denn denken, wenn sie wüssten, was hier eigentlich passiert. Und damit einhergehend die Überzeugung, ich wäre es nicht wert, gemocht zu werden. Ich hätte das alles verdient, wäre ein minderwertiger Mensch. Das ganze fraß mich von innen auf, nach außen ignorierte ich diese Scheiße, aber die Worte, tagtäglich ausgesprochen und gehört, zerstörten mich innerlich. Und ich begann, zu glauben.

Ich hatte zu dieser Zeit nur noch eine einzige Freundin und zusammen waren wir die „Super-Außenseiter“, der Bodensatz der Klasse. Ich konnte mir das nie richtig eingestehen, das war im Nachhinein vielleicht der größte Fehler meinerseits. Jeden Tag nahm ich mir vor, heute ganz „Ich-Selbst“ zu sein, dann würden die anderen schon sehen, was in mir steckt- denn ich konnte nie glauben, WIRKLICH der Außenseiter zu sein. Wie konnte es dazu kommen? Was konnte ich tun? Ich war immer davon überzeugt, eigentlich ganz aushaltbar zu sein, das machte alles nur noch schlimmer. Ich traute mir überhaupt nichts mehr. Meine Eltern sind damals wie heute davon überzeugt, dass es einfach nur die Pubertät war, was da mit mir passierte, ich habe ihnen nie die Wahrheit erzählt. „Freundinnen“ war das absolute Folterwort in dieser Zeit, denn die hatte ich nicht. Einfach ständig war ich bemüht, mich einzuschmeicheln bei den beliebten Mädels der Klasse und hinterherzulaufen wie ein Hündchen, ich wollte ebenfalls beliebt sein. Gleichzeitig war ich aber so unsicher und verängstigt und verschüchtert und ruhig, dass es nie dazu kam. Wahrscheinlich waren alle ganz froh, dass jemand in der Klasse in diesen Schuhen steckte und im Fokus der fiesen Typen stand, damit keiner von ihnen an der Reihe war. Ich weiß, dass ich jedes beliebte Mädchen schlechthin vergötterte, alles was sie taten, war per se richtig und witzig und toll. Alles was ich war, war langweilig und öde und uninteressant. In dieser Zeit, das muss ich ehrlich zugeben, hatte ich nicht grade die Erscheinung einer Grazie – Haare, Brille, Klamotten naja. Aber trotzdem, eine Frage ist geblieben. WARUM zum Teufel ICH?

Ich habe auch heute, 4 Jahre später, noch das Gefühl, die ganze Situation ist nicht richtig zu mir durchgesickert. Zum Beispiel habe ich damals nie heimlich geweint, hab mich geritzt oder hatte Selbstmordgedanken. Niemals. Ich war nie bewusst total fertig, oder vielleicht habe ich diese Wut einfach nie ausgelebt. Aber ich habe heute noch extrem daran zu knabbern und große Schwierigkeiten, soziale Kontakte aufzubauen, fühle mich nicht gut genug usw.

Danke, dass ich dir davon erzählen durfte. Schon jetzt geht es mir besser!! Danke!

3 Gedanken zu „Scham

  1. a)Du schreibst sehr schön den Mobbingverlauf – klassisch nach Lehrbuch (nicht ironisch gemeint).
    Und dann ist da noch die Sache mit der Scham

    „Denn die eigentliche Waffe, die dieser gräßliche Typ hatte, war meine Scham. Meine riesige Scham, was würden meine Eltern und Geschwister denn denken, wenn sie wüssten, was hier eigentlich passiert“.

    b)Scham ist eine sehr starke Emotion und das ist es was Opfer so fertig macht. Meistens können sie es nicht artikulieren und kaum einer geht bei der Intervention darauf ein. Und durch diese Scham ist dein absolutes Grundrecht als Mensch aufs Gröbste verletzt: Die Würde des Menschen ist unantastbar!!!

  2. Ja auch ich bin über die Stelle mit der Scham gestolpert und habe sie schon in der Zwischenablage. Ich bereite zur Zeit eine Präventionsveranstaltung zu Mobbing vor. Und ich werde diesen Satz zitieren.

    ich glaube du kannst sehr froh sein über die Stärke verfügt zu haben, dich nicht selbst zu schädigen. Das stellt aber die Schwere des Mobbings nicht in Abrede!

    Du machst den Eindruck, dass du es auch schaffen wirst, ‘normale’ soziale Kontakte aufzubauen und die Mobbinggeschichte zu verarbeiten. Und daraus zu wachsen. Die Frage WARUM DU?? ist völlig berechtigt und in der Regel hat die Person vor allem Pech gehabt, in den Fokus gerückt zu sein und das in einem M-freundlichen Klima von wegsehenden schlecht geschulten Pädagogen.

  3. Hi,
    möglicherweise würde es dir heute helfen, ein wenig über Mobbing zu lesen. So z.B. das Standardwerk Gewalt in der Schule von Dan olweus. Er beschreibt darin, wie du, die seelischen Verletzungen, die Mobbing-Opfer bis ins Erwahscnenalter mitschleppen. Zur Frage warum du? Es gibt keine Grund für Mobbing, es kann jeden treffen. Du hattets keine Schuld! Die Täter setzen es etwa ein, um ihre soziale Position zu stärken oder haben schlicht inadäquate Reaktionsmuster auf soziale Situationen. Deine Reaktion des Ertragens, kam dem Verhalten der Mobber dann leider entgegen. Allerdings wurdest du von den Lehrkräften im Stich gelassen. Sich selbst aus Mobbing zu befreien ist nahezu unmöglich.

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