Erinnerungen

Wie kann man jemandem helfen, der niemals zugibt, das er ein Problem hat?
Wie kann man ihm Trost spenden, wenn er nicht zeigt, das ihn etwas quält?
Und vor allem… wie kann er sich selbst helfen?

Ich weiß nicht, aber diese Fragen stellen sich wohl viele, die dieses Thema schon einmal erleben und auch verabeiten mussten.

Eine kleine Geschichte:

Realschule, 10. Klasse

Wenn man relativ klein ist und Übergewicht hat, sind Probleme mit Mitschülern vorprogrammiert. Man wird aus den Aktivitäten der *Großen und Hübschen* ausgeschlossen, bekommt Kommentare zweifelhafter Natur an den Kopf geworfen und wir im allgemeinen in sozialer Hinsicht ignoriert.
Ein Junge, 16 Jahre alt, 1,65 Meter groß und ca. 75 Kilo schwer, sitzt isoliert in der hintersten Reihe und tut das, worin er seinen einzigen Trost findet: Im Unterricht malen.
Vor ihm sitzen seine Mitschüler, wobei er das Wort *Mitschüler* eher selten benutzt. Es sind mehr die Leute, die mit ihm in eine Klasse gehen, die ihn auf dem Schulhof auslachen, die ihn, wenn er Glück hat, einfach nur ignorieren und wenn er Pech hat, dann prügeln sie ihn.
Er ist allein, er fühlt sich nicht nur so, er ist es…jedenfalls hier. Seine Eltern geben ihm ihre Unterstützung, aber er traut sich nicht, ihnen die Wahrheit zu berichten, ihnen zu sagen, das er in der Schule gehänselt wird, oft auch geschlagen oder auch nur über ihn gelacht wird.
An ein Mädchen, eine Freundin, will er gar nicht denken. Wer will schon einen wie ihn haben?
Die Welt ist ungerecht.
Die zehnte Klasse ist die Hölle. Leistungsdruck vermischt sich mit der Angst vor den Kommentaren der Mitschüler und man versucht einfach nur die Zeit hinter sich zu bringen. Die Lehrer sehen es einfach nicht, oder wollen es nicht sehen.
Wer schwach ist, der ist es nicht wert.
Es kommt wie immer. Patrick, der Junge aus der Nachbarklasse, kommt mit seinen zwei Kumpels und sie wissen schon, wie sie ein wenig *Spaß* haben können. “Hey, Fettwanst.” Patrick lacht. “Wann hatten wir dich das letzte Mal zwischen, he? Muss schon zwei Tage her sein. Ist wieder Zeit, Winzling.” Er packt den Jungen und zerrt ihn vom Stuhl. Um ihn herum lachen die Mitschüler, feuern den Schlägertyp an.
Eine Ohrfeige ist der Anfang. Ein Knie im Magen der Schluss. Das dazwischen, das hat der Junge ausgeblendet. Schmerzen und Schläge kann man abschalten. Irgendwie.
Die Fragen der Lehrerin sind monotone Hintergrundgeräusche. “Was ist passiert?” “Wer war das?” “Bist du okay?” Ändern kann sie sowieso nichts. Wenn er Patrick verrät, dann gibt es morgen wieder Schläge, aber eigentlich gibt es sie sowieso, aber trotzdem. Vielleicht haut er morgen nicht so fest zu. Vielleicht vergisst er ihn ja.
Vergessen…
Wenn man vergisst, dann ist es nie passiert, oder? Man frisst es besser in sich hinein, man denkt einfach nicht daran. Irgendwie wird es weitergehen… irgendwie.
Dann kommt sie. Das Traummädchen. Sie ist hübsch, sie lächelt wunderschön und ihr Haar ist so weich… glaubt er. Sie ist anders als die anderen, sie ist nett.
Klassenfete. Der Junge ist da. Er fragt sich, warum er hier ist, aber er ist da. Vielleicht kommt sie ja, vielleicht kann er sie irgendwie beeindrucken.
Da ist sie, kommt auf ihn zu… geht an ihm vorbei. Er ist Luft, natürlich. Patrick nimmt sie in den Arm und küsst sie auf den Mund, grinst alle an. “Das ist meine Freundin, klar?”

Das Leben geht weiter. Der Schultag kommt und geht. Wie immer.
Aber etwas ist anders, der Junge sitzt noch immer hinten, in der letzten Reihe, aber er sieht anders aus. An seinem Handgelenk ist ein weißer Verband. Er war zwei Tage nicht hier, hat geschwänzt, sagen alle.
Die Lehrerin nimmt alle dran, aber den Jungen läßt sie in Ruhe, lächelt ihm kurz zu, aber sagt nichts.
Der Junge reibt verstohlen über das verbundenen Handgelenk. Darunter ist die Haut aufgeschnitten.
Er war dumm… sehr dumm.

Dann wird alles anders. Ein neuer Schüler kommt in die Klasse. Andreas ist das, was man einen Sunnyboy nennt. Die Mädels fliegen auf ihn, die Jungs finden ihn cool. Seine blonden Locken lassen ihn wie einen Engel erscheinen… für den Jungen ist er einer.
Er beachtet ihn, lacht mit ihm, nicht über ihn und läd ihn zu einer Probe seiner Band ein. Der Junge ist aufgeregt.
Komische Sache, ein Freund?!
Auf einmal geht es anders. Die Jungs in der Band sind cool, sind vom Gymnasium gegenüber… und sie suchen einen Bassisten. Der Junge lernt Bass.
“Der ist in der Band.”, sagen die anderen. Auf einmal ist der Junge auch cool. Warum?

Ich weiß, diese Geschichte bricht ein wenig aus dem Thema heraus, aber trotzdem gehört sie irgendwie mit da rein.
Dieser Junge war, bin, natürlich ich.
Vor 10 Jahren habe ich meinen Abschluss an der Realschule gemacht, habe 4 Jahre lang in dieser besagten Band gespielt, eine Lehre gemacht… und habe viele Freunde.
Ich bin nicht stolz auf meine “große Dummheit”. Zum Glück haben meine Eltern damals schnell reagiert, bevor Schlimmeres passieren konnte.
Weglaufen ist keine Lösung… jedenfalls nicht diese Art.
Heute bin ich 26 (Si, ich bin alt!!!) und muss sagen, das immer noch Gedanken an diese Zeit wieder hochkommen.
Ich kann nur noch den Kopf schütteln über die Jungs, die mich damals gehänselt und verprügelt haben. Wie arm!!!
Nicht das ich noch wütend bin, sondern ich begreife nur dieses antisoziale Verhalten nicht, das diese Menschen an den Tag legen.
Ich bin nicht mehr übergewichtig, habe eine schöne Wohnung (meine Bassgitarren hängen an den Wänden), einen Job und schreibe Bücher in meiner Freizeit. Meine Verlobte ist mein ein und alles, auch wenn sie momentan wieder 16.000 Meilen entfernt auf den Philipinen wohnt, aber die Hochzeitspläne stehen schon!!! (Sie hat hier studiert und mir nebenbei den Kopf verdreht)

Ich möchte allen, die ähnliches erleben, nur eines mitteilen:
Gebt euch nicht auf!!!

Nur weil ein paar Leute meinen, das ihr auf der “schwarzen Liste” steht, ist das noch lange kein Grund euch selbst, euren Stolz und euer Leben auf zu geben.
Sucht euch etwas, worin ihr aufgeht. Malen, Brettspiele, Sport, Musik. Etwas das euch interessiert, woran ihr Freude habt. Fresst es nicht in euch hinein.
Vielleicht denkt ihr, das eure Eltern, eure Lehrer und eure Freunde nicht an euch interessiert sind… Quatsch!!! Reden bringt mehr, als es in euch zu verstecken. Und glaubt mir, ich weiß wovon ich rede!!!
Geht raus, feiern… lacht, liebt, verliebt euch. Allein dieses Kribbeln, das ist Leben, es macht euch mutig, froh und gibt euch Kraft. Es stärkt.

Mein Lebensmotto ist heute ein Satz, den jemand gesagt hat, den ich sehr bewundere.

“Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag.”

Lebt so, wie ihr meint, aber lebt…!

Der Junge

3 comments to Erinnerungen

  • Administrator

    Tut mir Leid was damals mit dir passiert ist, aber du hat wirklich Respekt verdient – Respekt für das dass du durchgehalten hast – Respekt dass du noch was aus dir gemacht hast.

    Aber meinen größten Respekt hast du, weil du nicht wirklich die Leute hasst die dir das angetan haben sonder nur die allgemeine Intoleranz!
    Ein großes Lob an dich

    so long

  • Albatros

    Kompliment ! Es ist schwer , Mobbing eine lange Zeit durchzustehen und nicht
    aufzugeben , sondern weiterzumachen .
    Schön , dass du keinen Hass entwickelt hast – das hält viele Leute innerlich
    gefangen.
    Ich wünsche Dir alles Gute für dein weiteres Leben ,
    mfg Albatros

  • nana

    Mensch, das ist ja echt bewundernswert, dass du trotz dieser Idioten es geschafft hast, jetzt richtig zu leben. Dass du nicht aufgegeben hast.

    Bei mir in der Klasse ist es auch so, dass alle einer "coolen" Clique hinterherlaufen. Aber keiner hat ne Meinung, meinen, sie müssten sich irgendwo dranhängen.Ich werde nie aufgeben und mich auch nicht dem Anspruch dieser Clique fügen; denn ihr Anspruch ist, haben sie selbst gesagt, dass ich Angst haben muss vor ihnen.

    Aber wäre es denn nicht lächerlich vor solchen Leuten Angst zu haben, die sowas nötig haben?Ich werde anfangen zu leben, anfangen wieder zu lieben, weiterhin machen, was ich will. Und du, Brezel, hast mir irgendwie wieder ein kleines bisschen Mut gegeben. Vielen Dank!

    Was ich noch sagen wollt: Es hat nicht zwangsläufig etwas damit zutun, ob man übergewichtig ist oder nicht, denn ich bin es auf jeden Fall mal nicht. Das hat ausschließlich mit der Inkompetenz der anderen zutun. Wenn du es nicht gewesen wärst hätten sie sich nen anderen Grund, der natürlich nur zum Vorwandt diente, ausgedacht.

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